Der Gerfalke (Falco rusticolus)

 

 

Der Gerfalke gehört zur Familie der Falken und ist in Europa die größte Falkenart. Sein Hauptverbreitungsgebiet sind die Tundren und borealen Waldzonen von Island, Norwegen, Nordschweden und Nordfinnland. Nach Osten erstreckt sich das Verbreitungsgebiet zirkumpolar bis nach Kamtschatka in Sibirien. Weitere Vorkommen gibt es in Alaska und Nordkanada.

 

Der Gerfalke wird als Beizvogel gehalten und ist bei Falknern beliebt. Gerfalken können daher auch bei Falknern oder in Vogelparks wie Hellenthal oder Walsrode auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes gesehen werden.

 

Der Gerfalke gehört zu den sogenannten Hierofalken, zusammen mit Lannerfalke, Sakerfalke und Luggerfalke. Einerseits wird damit auf die enge Verwandschaft zwischen diesen Arten hingewiesen, andererseits leitet sich "Hiero" ab vom griechischen "hieros" (=kräftig).

 

 

gerfalke rosemarie_kappler iStock
Fliegender Gerfalke (Source: Rosemarie_Kappler/Agentur iStock)

 

Unterarten und Verbreitungsgebiete des Gerfalken

 

Der Gerfalke hat, als eigene Art, dennoch verwandschaftliche Nähe zu den Wüstenfalken und dem Sakerfalken. Bisher wurden beim Gerfalken 7 Unterarten festgestellt:

  • Falco rusticolus rusticolus - Nominatform - Skandinavien bis Nordrussland
  • Falco rusticolus intermedius - West- bis mittelsibirische Tundra
  • Falco rusticolus grebnitzkii - Mittel bis ostsibirische Tundra
  • Falco rusticolus islandicus - Island und Südostgrönland
  • Falco rusticolus obsoletus - Nordamerikanische Tundra (Kanada)
  • Falco rusticolus candicans - Vorkommen auf den hocharktischen Inseln Kanadas, mittlere und nördliche Gebiete Grönlands, hocharktische Tundren Sibiriens, hocharktische Gebiete Alaskas)
  • Falco rusticolus altaicus Menzbier - im Altaigebirge und im Kolbinskigebirge sowie den benachbarten Hochplateaus des Voraltai im zentralasiatischen Hochlandes

Die festgestellten Unterarten basieren hauptsächlich auf den vorhandenen Morphen. Nach Mebs/Schmidt (vergleiche dort) gibt es daher "eigentlich" keine Unterarten. Es existieren folgende Morphen:

  • Dunkle Morphe - boreale Brutgebiete
  • Graue Morphe - niederarktische Zone
  • Weiße Morphe - hocharktische Zone

Die von Dementiew ursprünglich noch als Falco gyrfalco altaicus festgestellte Unterart wird heute jedoch schon als Altaifalke unter der wissenschaftlichen Bezeichnung Falco altaicus geführt.

 

 

Steckbrief: Gerfalke

 

Brutzeit – Gelege – Größe – Gewicht – Nahrung – Biotop – Alter

 

Systematische Einordnung:

Ordnung: Falken (Falconiformes)

Familie: Falken (Falconidae)

Gattung: Falken (Falco)

Art: Gerfalke

 

Wissenschaftlicher Name: Falco rusticolus

 

Namen und Synonyme des Gerfalken

 

Artname in Englisch: Gyrfalcom

Artname in Französisch: Faucon gerfaut

Artname in Niederländisch: Giervalk

Artname in Italienisch: Girfalco

Artname in Spanisch: Halcón Gerifalte

Artname in Finnisch: Tunturihaukka

Artname in Norwegisch: Jaktfalk

Artname in Dänisch: Jagtfalk

Artname in Schwedisch: Jaktfalk

Artname in Polnisch: Białozór

Artname in Russisch: Kretschet Кречет

Artname in Isländisch: Fálki, Valur, Valur (Fálki)

Artname in Inuktitut: Kingavik, Kissaviarsuk

Artname in Grönländisch: Kingavik, Kissaviarsuk

Artname in Arabisch: نوع من الصّقور الأوربية الضّخمة

 

 

Beschreibung des Gerfalken

 

Vorkommen / Verbreitung: Der Wanderfalke ist zirkumpolar, in der nördlichen Hemisphäre der Erde, im Norden der borealen Waldzone verbreitet. Das Verbreitungsgebiet reicht von Island über weite Teile Norwegens über Nord-Schweden und Nord-Finnland bis zur Halbinsel Kamtschatka im Osten Sibiriens (Pazifischer Ozean). Auf dem nordamerikanischen Kontinent siedelt der Gerfalke in Alaska und Nordkanada.

 

 

Wanderungen: Der Gerfalke ist Standvogel. Jungvögel gehen nach dem Flüggewerden, als Kurz- und Teilstreckenzieher auf Zersteuungswanderungen, wobei Skandinavier und Isländer bevorzugt in der Nähe des ehemaligen Brutreviers bleiben.

 

Lebensraum – Biotop: Der Gerfalke brütet in den Tundren und an der Küste, im Bergland teilweise auch oberhalb der Baumgrenze.

 

Verhalten Gerfalken sind tag- und dämmerungsaktiv. Flug bei hoher Geschwindigkeit bei geringer Schlagfrequenz. Aus dem Suchflug heraus wird auf die Beute herabgestoßen; Suchflüge teilweise auch niedrig über dem Boden; auch Ansitzjagd.

 

Kennzeichen Größter Falke. Breiter Körper, breite Flügel an der Flügelbasis, nur mäßig langer Schwanz. Die Gefiederfärbung ist sehr variable. Jedoch ist die vorherrschende Morphe überwiegend weiß, reicht aber über dunkelbraun bis ± einheitlich dunkel.

 

Adulte Vögel der grauen und dunklen Morphe sind auf der Oberseite entweder aschgrau oder dunkel, mit ± auffälliger helldunkler Bänderung und Fleckung. Schwanz mit helldunkler Querbänderung, die Bänderung fällt schmaler aus als beim Wanderfalken (siehe dort).

 

Bei heller Unterseite ist diese grob und locker schwarz gefleckt und zeigt kaum Querbinden. Kopf ist entweder weißlich oder grau, der verwaschene Bartstreif ist nur undeutlich zu sehen. Graue und dunkle Morphen tragen einen hellen Überaugenstreif und einen ± hellen Nagelfleck. Wangen ± dunkel.

 

Juveniles Kleid: Oberseite graubraun bis dunkelbraun. Ähnlich den adulten Individuen sind die Jungvögel bereits entweder kontrastreich oder eher einfarbig gezeichnet. Verwechslung mit juv. Würgefalken ist möglich. Wangen ± dunkel, .

 

Schnabel: ad. dunkle Morphen = blaugrau mit gelber Basis; ad. weiße Morphen = horngelb; juv. = blaugrau mit dunkler Spitze.

 

Wachshaut: ad. = gelb, juv. = grau

Füße: ad. = gelb; juv. = grau.

 

Iris: dunkelbraun.

 

Größe: 50-60 cm (davon 19-24 cm Schwanz)

Gewicht:

♂ 1000-1400 g Ø ca. 800 g

♀ 1250-2100 g Ø ca. 940 g

Spannweite: 130-160 cm

Flügellänge:

♂: 35,2-38,0 cm

♀: 38,2-41,5 cm

 

Stimme - Ruf: Am Brutplatz und bei Erregung ein durchdringendes „kjak kjak“, sowie raue, gackernde Rufe.

 

Geschlechtsreife: Beim Gerfalken tritt die Geschlechtsreife im 2. Lebensjahr ein.

Paarungszeit: monogame Dauerverbindung.

 

Bruten1 Jahresbrut

Eiablage: In Nordeuropa zwischen Anfang April und Anfang Mai

Brutzeit: Anfang April bis Mitte Juni spätestens bis Ende Juli (bei Nachgelege).

 

Nest: Nutzt vor allem die alten Horste von Raufußbussard und Kolkrabe.

Neststandort - Brutrevier: Nester / Horste oft in Felsnischen oder unter Überhängen. Baut offenbar keine eigenen Nester, sondern übernimmt die Horste von anderen Arten. In der Waldtundra brütet der Gerfalke auch auf Bäumen und führt bei Baumnestern auch Reparaturarbeiten am Nest aus.

 

ei des gerfalken museum de toulouse commons license
Ei des Gerfalken - Attribution: Muséum de Toulouse, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons - siehe Bildnachweise

 

Gelege: (selten 1-) 3-4 (maximal -5, sehr selten 6-7) Eier

Eier: Breitovale Eier mit rot gefleckter, hellgelblicher Schale.

Nachgelege: Ersatzgelege bei Gelegeverlust (bis in die erste Junihälfte).

 

Legeabstand: 2-3, eher 3 Tage.

Brutbeginn: Nach Ablage des dritten oder vierten Ei.

Brutdauer: 34-36 Tage, es brüten beide Altvögel

Schlüpfen: Bei 4er Gelegen schlüpfen die Jungen innerhalb eines Tages, bei größeren Gelegen asynchrones schlüpfen.

 

Nestlingsdauer - Führungszeit: bedunte Nesthocker, die in den ersten Tagen vom ♀ intensiv gehudert und gefüttert werden, das ♂ übernimmt die Jagd und bringt die Beute zum Horst. Das ♀ bleibt am Horst bis die Nestlinge 3-4 Wochen alt sind, beteiligt sich auch das ♀ an der Jagd. Ab diesem Zeitpunkt bringen beide Altvögel abwechselnd die Beute zum Horst und füttern die Jungen. Nach 46-53 Tagen verlassen und Jungen den Horst.

 

Flügge: Nach dem Verlassen des Horstes sind die jungen Gerfalken flugfähig, werden aber noch weitere 4-6 Wochen von den Altvögeln mit Nahrung versorgt, bis sie dann endgültig selbständig sind.

 

 

Nahrung: Vielseitiger Beutejäger; es werden Vögel von Sperlingsgröße bis zur Größe von Raufußhühnern geschlagen, ebenso Großmöwen; dazu kommen Säugetiere von Maus- bis Hasengröße, sowie gelegentlich auch Aas. Küstenbewohner jagen vornehmlich Seevögel; Brutvögel aus dem Binnenland jagen überwiegend Schneehühner, Lemminge. Bei den Binnenlandbrütern hat der Zusammenbruch der Lemmingpopulation (zyklischer Massenwechsel) erheblichen Einfluss auf den Bruterfolg.

 

Lebensdauer: In der Gefangenschaft (als Beizvögel) können Gerfalken ein Lebensalter von 19 Jahren erreichen, teilweise auch nur 15 Jahre.

 

Mortalität - Sterblichkeit: nicht bekannt.

 

Feinde und Gefährdungen: Einstellung der Jagd, wo noch ausgeübt. Habitatverbesserungen.

 

Jagdbares Wild: Nein

Jagdzeit: Nein, Naturschutz

 

 

Quellennachweise

 

Bauer, Hans-Günther, Bezzel, Einhard et. al. (HG), Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 1+2, Sonderausgabe 2012, Aula Verlag, Wiebelsheim

Bauer, Hans-Günther, Bezzel, Einhard et. al. (HG), Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 3, Literatur und Anhang, Aula Verlag Wiebelsheim, 2. vollständig überarbeitete Auflage 1993

Bezzel, Einhard, Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Non-Passeriformes, Band 1, AULA-Verlag Wiesbaden, 1985

Bruun/Singer/König/Der Kosmos Vogelführer, Franck'sche Verlagshandlung Stuttgart, 5. Auflage 1982

Ciesielski, Lothar C., Der Gerfalke, Die Neue Brehm Bücherei, Band 264, Westarp Wissenschaften-Verlagsgesellschaft mbH Hohenwarsleben, 2007

Ferguson-Lees, James, Christie, David, Raptors of the World, A Field Guide, Christopher Helm London, 2019

Glutz von Blotzheim, Urs et. al (HG), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 4, Falconiformes, AULA-Verlag Wiesbaden, 2. durchgesehene Auflage 1989

Mebs, Theodor (†), Schmidt, Daniel, Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens, Franck-Kosmos Verlag Stuttgart, 2. Auflage 2014

Svenson, Lars et. al, Der Kosmos Vogelführer, Franck-Kosmos Verlag GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2. Auflage 2011

 

 

Bildnachweise

 

Fliegender Gerfalke - Source: Rosemarie_Kappler/Agentur iStock

Ei des Gerfalken: Attribution: Muséum de Toulouse, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons;